Emys orbicularis (Europäische Sumpfschildkröte) (Linnaeus, 1758)

 

Verbreitung in Deutschland: Der aktuelle Wissensstand über die Besiedlungshistorie von Emys orbicularis belegt autochthone Vorkommen der Art in Ostdeutschland östlich der Elbe in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Bei allen anderen Populationen (auch bei den baden-württembergischen), z.B. in Hessen ist ein autochthoner Ursprung in der Diskussion und bleibt zumindest zweifelhaft (Fritz & Laufer 2007).

Verbreitung in Baden-Württemberg: Nachweise der Sumpfschildkröte liegen in Baden-Württemberg vor allem aus dem Oberrheingebiet, von den Kocher-Jagst-Ebenen, aus dem Albvorland und aus Oberschwaben vor. Morphologische und genetische Untersuchungen belegen jedoch, dass aktuelle Vorkommen außerhalb Oberschwabens alle allochthonen Ursprungs sind und auf ausgesetzte Tiere zurückgehen. In vielen dieser Fälle kann auch keine Reproduktion nachgewiesen werden und die Vorkommen bestehen häufig aus nur wenigen Einzelexemplaren. Anders gestaltet sich die Situation in Oberschwaben. Hier reichen die Funde von Sumpfschildkröten-Panzern weit zurück und belegen zumindest ein ehemaliges Vorkommen. Jedoch besteht auch die Möglichkeit, dass die Tiere zu Nahrungszwecken aus Südeuropa importiert wurden. Wahrscheinlicher ist jedenfalls, dass E. orbicularis in Oberschwaben, ausgehend vom Bodenseegebiet, und wahrscheinlich auch in der Oberrheinebene früher autochthon vorkam. Heute besteht dieser Verdacht noch bei einer im Pfrunger Ried lebenden Population der Art, während sie im Federseeried ausgestorben ist (Fritz & Laufer 2007). Allerdings gibt es auch in diesem letzten Fundgebiet mit zumindest unregelmäßiger Reproduktion Hinweise darauf, dass Tiere erstmals in den 1970er-Jahren (und in den Jahrzehnten darauf) ausgesetzt wurden. Dagegen fehlen Belege für ein früheres Vorkommen im Gebiet. Die im Pfrunger Ried vorkommenden Exemplare wurden bisher genetisch nicht auf ihre Herkunft untersucht, doch selbst wenn es sich um die potentiell autochthone Unterart (E. o. orbicularis des Haplotyps IIa) handeln sollte, ist dies kein Beleg für ein autochthones Vorkommen. Denn es könnte genau diese Unterart im Gebiet ausgesetzt worden sein. Genausowenig ist allerdings ein Vorhandensein von südeuropäischen Genotypen ein Beleg für ein allochthones Vorkommen, denn durch die Handelsaktivitäten der Mönche im Mittelalter wurden bereits zu dieser Zeit Genotypen und Unterarten der Europäischen Sumpfschildkröte bunt vermischt. Neben dem Vorkommen im Pfrunger Ried existieren außerdem einige aktuelle Einzelnachweise, beispielsweise aus dem Steinacher Ried, aus dem Langenauer Ried oder aus dem Altdorfer Wald.

Habitatansprüche: E. orbicularis besiedelte früher wahrscheinlich primär stark verkrautete, besonnte, stehende oder leicht fließende Gewässer. Dies können unterschiedliche Teiche und Weiher, aber auch Altarme etwa des Rheins sein. Wichtig sind eine krautreiche Unterwasservegetation und besonnte Ufer-Sitzplätze. Die Gewässer im Pfrunger Ried liegen vornehmlich im Bruch- bzw. Moorwald und sind teilbesonnt (Fritz & Laufer 2007). Zur Eiablage wird kiesig-sandiges Substrat bevorzugt, das natürlicherweise in den Moorgebieten Oberschwabens nicht vorhanden ist. Erst mit dem Torfabbau und der Erschließung der Moorgebiete über Wege wurden diese Substrate in viele Moorgebiete, darunter auch diejenigen mit aktuellen Nachweisen, eingebracht. Ob die großen oberschwäbischen Moorkomplexe tatsächlich ursprüngliche Lebensräume der Europäischen Sumpfschildkröte waren, lässt sich im Nachhinein nicht mehr klären.

Gefährdung/Schutz: RL BW: Vom Aussterben bedroht (Fritz & Laufer 2007). So es denn noch autochthone Populationen der Sumpfschildkröte in Baden-Württemberg gibt, sind diese natürlich vom Aussterben bedroht. Die Vorkommen im Pfrunger Ried sind durch touristische Beeinträchtigungen, Angelsport und Sukzession am Gewässer (Verschattung) gefährdet. Zum Schutz der Art müssen die Gewässer offen und besonnt erhalten werden, die Touristen-Ströme sollten möglichst um das Kerngebiet herum geleitet werden. E. orbicularis genießt darüber hinaus auch europäischen Schutz durch Listung in den Anhängen II und IV der FFH-Richtlinie.

Eignung als Indikatorart: E. orbicularis kann als Indikator für krautreiche, besonnte Weiher und Altarme in naturnahe Umgebung gelten.

Quellen für diese Seite:

Firtz, K. & H. Laufer (2007): Europäische Sumpfschildkröte - Emys orbicularis (Linnaeus, 1758). In: Laufer, H.; Fritz, K. & P. Sowig (Hrsg.): Die Reptilien und Amphibien Baden-Württembergs. Ulmer Verlag (Stuttgart), 511-536.

 

 

Recht bunt gefärbtes Exemplar von Emys orbicularis aus dem einzigen noch aktuellen Fundgebiet mit potentiell autochthonen Vorkommen, Mai 2015.

 

 

Ausgesetztes Exemplar von Emys orbicularis im Albvorland (NSG Schaichtal), Juni 2008.

 

 

Habitat der Europäischen Sumpfschildkröte in Oberschwaben (NSG Pfrunger Ried), Gewässerkomplexe mit strukturreichen, besonnten Ufern.

 

 

Schematische Verbreitung von E. orbicularis in Baden-Württemberg:

Dunkelblauer Bereich: Belegte Vorkommen

Grauer Bereich: Ehemalige Vorkommen

Schwarze Punkte: Eigene Nachweise (allochthones Vorkommen)

 

Natrix natrix, Zamenis longissimus, Coronella austriaca, Vipera berus, Vipera aspis, Anguis fragilis, Zootoca vivipara, Lacerta agilis, Lacerta bilineata, Podarcis muralis                                                      

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