Coenonympha tullia (Großes Wiesenvögelchen) (O. F. Müller, 1764)

 

Verbreitung in Deutschland: Coenonympha tullia besitzt innerhalb Deutschlands zwei Verbreitungsschwerpunkte. Einmal tritt die Art in den ausgedehnten Moorgebieten Norddeutschlands (Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Brandenburg) auf, andererseits existieren wiederum Vorkommen im Alpenvorland und den südlichen Mittelgebirgen (Bayern, Baden-Württemberg). Daneben bestehen noch aktuelle Nachweise aus Sachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Außerhalb Niedersachsens (gefährdet) ist C. tullia zumindest stark gefährdet, in vielen Bundesländern (Sachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg) jedoch mittlerweile akut vom Aussterben bedroht.

Verbreitung in Baden-Württemberg: Auch in Baden-Württemberg hatte das Große Wiesenvögelchen ehemals zwei eindeutige Verbreitungsschwerpunkte. Es besiedelte die oberschwäbischen Feuchtgebiete (v. a. Allgäu) sowie den südlichen Schwarzwald. Daneben existierten kleinere, isolierte Vorkommen im Baar-Wutach-Gebiet (Pfohren, Blumberg-Zollhaus), im Nordschwarzwald (Kleines Enztal) und im Vorderen Odenwald. C. tullia hat innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte extreme Bestandseinbußen erlitten, sodass die oberschwäbischen Populationen aktuell als ausgestorben angesehen werden müssen. Das ist umso überraschender, da in dieser Region die größte Nachweisdichte existierte. Ebenfalls als ausgestorben müssen die Populationen im nördlichen Schwarzwald und im Vorderen Odenwald angesehen werden. Ich konnte im Baar-Wutach-Gebiet 2010 und 2011 zwei Populationen von C. tullia wieder neu belegen, diese Populationen existieren also noch, jedoch auf niedrigem Niveau. Einzig im Südschwarzwald sind sonst noch neuere Nachweise bekannt. Die Art ist auch im angrenzenden Bayern vor allem nahe der baden-württembergischen Landesgrenze stark rückläufig. Über die genauen Gründe für diese extreme Arealregression ist bisher noch wenig bekannt, möglicherweise spielt die zunehmende Nutzungsaufgabe und Verbrachung der Niedermoor-Standorte eine wichtige Rolle.

Habitatansprüche: C. tullia besiedelt extensiv genutzte Nieder- und Zwischenmoore. Möglicherweise dienen auch an Wollgras reiche Hochmoore als Larvalhabitate. Die Raupe scheint jedenfalls bevorzugt an Wollgras-Arten (Eriophorum ssp.) zu fressen.

Gefährdung/Schutz: RL BW: Vom Aussterben bedroht. Die dramatischen und schwer erklärbaren Bestandseinbrüche der Art in Oberschwaben lassen auch C. tullia als in Baden-Württemberg vom Aussterben bedroht erscheinen. Es besteht die Gefahr, dass die Art aus Baden-Württemberg verschwindet bevor die exakten Lebensraumansprüche des Großen Wiesenvögelchens aufgeklärt sind. Der Rückgang von Nieder-, Zwischen- und Hochmooren durch Entwässerung und Intensivierung kann das Aussterben der Art ebenso nur teilweise erklären wie die Nutzungsaufgabe von Niedermooren. Bis zur Aufklärung der Lebensraumansprüche der Art sollten großflächig extensiv genutzte Moorstandorte erhalten werden, um dann noch entsprechend eingreifen zu können.

Eignung als Indikatorart: C. tullia könnte als Indikator intakter Nieder-, Zwischen- und Hochmoore dienen.

 

 

Coenonympha tullia an Blutauge saugend im Baar-Wutach-Gebiet (Pfohren), Juni 2010.

 

 

Nektarsaugendes Männchen von C. tullia im Baar-Wutach-Gebiet (NSG Zollhausried), Mai 2011.

 

 

Frisches Weibchen von C. tullia aus dem Baar-Wutach-Gebiet (NSG Zollhausried), Mai 2011.

 

 

Habitat von C. tullia im Baar-Wutach-Gebiet (NSG Zollhausried), wollgrasreiche Niedermoorfläche.

 

 

Habitat im Baar-Wutach-Gebiet (Pfohren): Niedermoor-Brachen mit Wollgras umgeben von Kulturland.

 

 

Schematische Verbreitung von C. tullia in Baden-Württemberg:

Dunkelblauer Bereich: Belegte Vorkommen

Grauer Bereich: Ehemals belegte Vorkommen

 

Coenonympha hero, Aphantopus hyperantus                                                   

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